Jazz von hier und jetzt

Moderner Jazz? Das sind doch ellenlange Solos, ein Durcheinander bei dem man die Eins nicht mehr hört und sowieso zu intellektuell ist… Oder?

Die Mehrheit der Lindy-Tänzer befasst sich kaum gross mit der Musik, Jazz genannt, in der tanzfreien Zeit. Viele Tänzer sagen, dass sie in der Freizeit nie alten Swing hören würden…müssen sie ja auch nicht, das Jazz-Universum ist zwar nicht unendlich, aber doch viel grösser, als es sich die meisten wohl vorstellen. Gerade wer alten Swing mag könnte/sollte sich dafür interessieren, was aus dieser Musik der 30er-Jahre alles geworden ist. Um also die Blicke, besser die Ohren, möglichst weit zu öffnen dafür, was Jazz heute alles ist, hier eine kleine Auswahl von heutiger Musik.

Die Auswahl basiert lediglich auf meinem persönlichen Geschmack, ob alles davon nun Jazz ist oder nicht, soll hier gar nicht diskutiert werden. Ich kann aber mit einiger Sicherheit behaupten, dass es all diese Musik ohne den Jazz nicht geben würde. Viel Spass beim Hören und Entdecken!

 

Elina Duni Quartett

Starten wir in der Schweiz: Die aus Albanien stammende Elina Duni vermischt mit ihrem Quartett albanische und andere östliche Volkslieder mit Jazz. Ihre Mitmusiker sind international anerkannt und gehören zu den besten der Schweiz, Colin Vallin am Piano, Bänz Öster am Bass und Norbert Pfamatter am Schlagzeug. Hier eine Aufnahme vom Jazzvestival Willisau 2009.

“Kaval Sviri” live (Willisau 2009)

 

The Bad Plus

Die Herren dieses Piano-Trios lassen nichts anbrennen: Drum’n’Bass-Beats treffen auf poppige Melodien, die durch rhythmisch verwirrende Brakes gebrochen werden, von ganz sanft bis zur donnernden Eruption – und immer mit maximaler Spielfreude vorgetragen. Eines der innovativsten und bekanntesten Piano-Trios unserer Zeit.

„Anthem for the earnest“ auf Suspicious Activity (2005)

 

Miles Davis

Jeder kennt den Namen, wobei seine Musik den meisten (so auch mir eigentlich) bestenfalls nur Ausschnittsweise bekannt ist. Hier ein Stück vom Album „Kind of Blue“ von 1959. Es ist das seine bekannteste Platte, und eine der berühmtesten Jazz-Alben überhaupt. Das ruhige Stück „Flamengo Sketches“ finde ich zu schön um es zu beschreiben, deshalb die Namen der Solisten in der richtigen Reihenfolge: Miles Davis, John Coltrane, Julian ‚Cannenball’ Adderley, Bill Evans, Miles. Auf den neueren Ausgaben des Albums sind 2 Versionen dieses Stückes drauf, was einem erlaubt zu hören, wie frei die Musiker improvisieren – alles Solos sind komplett verschieden, aber genau so gut.

“Flamengo Sketches” auf „Kind of Blue“ (1959)

 

Robert Glasper

Der Pianist spielt Jazz im Trio, beim „Robert Glasper Experiment“ kommen Hip Hop, Funk und Elektronische Elemente hinzu. Definitiv Musik von heute. Das Stück „Afro Blue“ wurde vom Latin-Jazz Msuiker Mongo Santamaria geschrieben und von John Coltrane erweitert und bekannt gemacht – hier von Erikah Badu gesungen.

“Afro Blue” feat. Erykah Badu auf Black Radio (2012)

 

Eivind Arset

Der Norwegische Gitarrist ist typisch für sein Land, in dem er in seiner Musik jegliche Genregrenzen verwischt. Nachdem er unter anderem mit dem Stilprägenden Trompeter Nils Peter Molvaer zusammengearbeitet hatte, spielt er heute mit seinem eigenen Projekt. Arset versteht es, seine Gitarre mittels diverser Elektronik nach ganz fremden Instrumenten tönen zu lassen, ebenso beherrscht er die Technik des live-samplings perfekt.

“Silk worm” live, (Album: Connected 2005)

 

Erik Truffaz

Der in der Schweiz lebende Trompeter gehört sicher zu den wichtigen Stimmen seiner Generation. Früh nahm er und sein Quartett Einflüsse aus dem Drum’n’Bass in ihre Musik auf. Ohne den eigenen Sound zu verlieren integrierte die Gruppe Stimmen und Sounds aus dem arabischen Raum, ebenso neuerdings Sängerinnen wie Sophie Hunger.

“Yuri’s Choice” live (Album: The Dawn, 1998)

 

Dave Douglas

Ebenfalls ein äusserst umtriebiger und vielseitiger Trompeter.  Er lässt in seine Musik Volksmusik europäischer Länder ebenso einfliessen wie New Orleans Jazz und Songs von Künstlern wie Björk und Tom York (Radiohead). In der verlinkten Aufnahme spielt er mit dem Brass Ecstasy Ensemble zusammen.

“Bowie” live, (Album: Spirit Moves, 2009)

 

Bugge Wesseltoft

Der Pianist, Elektroniker und Produzent aus Norwegen gab Ende der 90er Jahre mit seiner „New Conception of Jazz“ wichtige Impulse im Bereich der Vermischung von Jazz und elektronischer (Tanz-)Musik. Samples, Live-Samples und gespielte Instrumente fliessen unhörbar ineinander. Seine diversen Projekte lassen sich nicht alle hier aufzählen – ein Künstler mit vielen Facetten zum selber entdecken. Hier im Duo mit Zeno Gabaglio…elektro-Jazz meets Bach (oder umgekehrt).

Bugge Wesseltoft live at Bachfest Leipzig 2012

 

Nick Bärtsch’s Ronin

Zum Schluss nochmals in die Schweiz. Zu Beginn spielte der Pianist mit dem Berner Don Li* seit über 10 Jahren aber mit seinem eigenen Quintett Ronin. Minimalistische, sich langsam entwickelnde Stücke, die meist einen hypnotischen Sog entwickeln. Bei den komplexen Rhythmen wissen auch erfahrene Tänzer nicht mehr, wo jetzt die eins ist.

Ronin live (2008) (leider konnte ich nicht ausfindig machen, welches der „Module“ hier gespielt wird)

* früher ‚Don Pfäffli’ – Betreiber des Tonus Musiklabors, neu ‚Orbital Garden’, gleich neben dem ONO.

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